Der Spritz-Ess-Abstand erlebt ein Revival. Er ist notwendig, um den Verlauf des Blutzuckers bei Typ-1 Diabetes zu verbessern. Wir versuchen, diesem etwas schwer greifbaren Thema auf die Spur zu gehen.

Tot Gesagte leben länger. 1999 titelte das Ärzteblatt: „Neue Insulin Mischungen: Der Spritz-Ess-Abstand ist verzichtbar“.  Doch spätestens seit CGMs als tägliche Wegbegleiter uns Patienten zeigen, was nach dem Essen mit dem Blutzucker passiert, ahnen wir, dass das doch so nicht stimmt. Und tatsächlich mehren sich jetzt auch die wissenschaftlichen Untersuchungen, die zeigen, dass der Spritz-Ess-Abstand doch wichtig ist. Das Thema scheint zunächst leicht abgehandelt: Es wird empfohlen, mit dem Essen nach der Insulingabe noch 10-15 Minuten zu warten. Soweit so klar. In der Praxis ist es aber dann auch doch nicht so einfach.

Wieso kann der Spritz-Ess-Abstand den Blutzucker senken?

Zunächst mal die Frage, was das Ganz überhaupt soll. Fast alle Menschen mit Typ-1 Diabetes wissen, dass Insulin nicht sofort wirkt. Bei Gesunden ist das anders, das Insulin gelangt sofort in die Blutbahn. Bei Diabetes spritzt man das Insulin jedoch ins Unterhaut-Fett-Gewebe. Von dort muss es erst in die Blutbahn gelangen. Damit das klappt, muss es sich erst etwas mit der Gewebeflüssigkeit verdünnen. Je höher die Dosis ist, desto länger dauert daher auch der Übergang ins Blut ( siehe unserem Blogpost zu Injektionsstellen, Insulin Wirkung und unlogische Blutzuckerverläufen). Wie lange das dauert, hängt vom verwendeten Insulin ab, aber auch von persönlichen Faktoren. Besteht die Mahlzeit jetzt aber aus sehr schnell wirksamen Kohlenhydraten, also zum Beispiel aus Zucker aber auch Weißmehl in Nudeln oder Weißbrot, steigt der Blutzucker schnell an. Mit der Verzögerung des Insulins holt dieses dann den Blutzucker erst Stunden später wieder ein. In solchen Fällen kann das Einhalten des Spritz-Ess-Abstands für das Vermeiden von sehr hohen Werten wichtig sein. Auch AID-Systeme erlösen uns nicht vom Spritz-Ess-Abstand, denn diese reagieren immer erst im Nachhinein. Einhalten des Spritz-Ess-Abstand ist schwierig

Einhalten des Spritz-Ess-Abstand ist schwierig

Und schon sind wir bei der nächsten Frage: Was passiert, wenn man einen Spritz-Essabstand einhält, aber nur zu kurz? Wenn man sozusagen nicht „durchhält“ mit dem Warten? Oder anders: Wieviel gewinne ich für meine Gesundheit, wenn ich z.B. noch 5 Minuten länger durchhalte? Was bringt es mir, wirklich den vollen Spritz-Ess-Abstand einzuhalten? Zu all diesen Fragen hat man als Patient keine Antwort. Doch das wäre für die Motivation, den Spritz-Ess-Abstand richtig einzuhalten, wesentlich.

Motivation und Intransparenz über die Wirkweise sind aber nur ein Problem, dass dem Einhalten eines Spritz-Ess-Abstands im Wege steht. Im Restaurant weiß man nicht genau, wann das Essen kommt. Oder das gemeinsame Mittagessen mit Arbeitskollegen wird spontan abgesprochen. Oder man vergisst dann rechtzeitig zu essen und läuft in eine Hypo.

Noch schwieriger wird es, wenn man zum Zeitpunkt der Insulingabe in einem High-Event ist, also der Nüchternzucker über 100 mg/dl ist. Dann muss noch länger gewartet werden. Der Patient weiß dann schlicht nicht vorher, wie lange es dauern wird, bis er denn dann Essen darf. Ist der Nüchtern-Blutzucker sehr hoch, beispielsweise bei 250 mg/dl, kann es aber Stunden dauern, bis das Essen losgehen kann. Und dann noch nicht mal zu wissen, wie lange es denn dauern wird, macht das Einhalten einfach unrealistisch. Transparenz ist hier der erste Schritt für mehr Therapietreue.

Spritz-ess-Abstand bei Bestellung im Restaurant
im Restaurant lässt sich der Spritz-Ess-Abstand schwer einhalten

Intelligentes Diabetes Tagebuch könnte auch beim Spritz-Ess-Abstand helfen

Ein intelligentes digitales Blutzuckertagebuch oder intelligenter Bolusrechner könnten hier helfen. Denn während es für einen Menschen schwierig ist, all die benötigten Informationen zusammenzubringen, können mit künstlicher Intelligenz auch große Datenmengen automatisch ausgewertet werden. Notwendig dafür ist aber, dass der Nutzer zusätzlich zu CGM-Daten auch seine Mahlzeiten in einem Blutzuckertagebuch erfasst. Wenn sich dafür aber der Blutzucker dauerhaft senken lässt, kann sich die Mühe lohnen. Auch wir bei GlucoFit sind dabei, solch eine Diabetes App zu entwickeln.

FAZIT

Der Spritz-Ess-Abstand gerät wieder in den Fokus der Diabetes-Therapie. CGM-Daten machen sichtbar, dass dieser doch eine Rolle spielt. Die genauen Zusammenhänge zu wissen wäre für die Motivation als Patient wichtig. Und wieviel Potential zum Senken des Blutzuckers bei Typ-1 Diabetes wirklich im Spritz-Ess-Abstand steckt, ist weitgehend noch unklar. Weitere Forschung ist hier notwendig.

Links

https://www.diabetiker-bedarf.de/lexikon/spritz-ess-abstand – kurze Erklärung für Laien

https://www.apotheken-umschau.de/medikamente/diabetes/insulin/rueckkehr-zum-spritz-ess-abstand-817249.html#:~:text=Der%20Spritz%2DEss%2DAbstand%2C,Spritz%2DEss%2DAbstand%20einzuhalten – allgemeine Infos mit Beispiel von Blutzuckerverläufen mit unterschiedlichem Spritz-Ess-Abstand

https://www.diabetes-online.de/a/wiederentdeckter-spritz-ess-abstand-das-cgm-system-zeigt-uns-erst-insulin-dann-essen-2021012 – Fachinformationen auf Basis von CGM-Messungen

https://www.diabetesresearchclinicalpractice.com/article/S0168-8227(98)00132-6/fulltext – ältere Studie aus Prä-CGM Zeiten, wie Patienten mit dem Spritz-Ess-Abstand umgegangen sind.

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