Nutzer von Insulinpens mussten bisher auf eine Reihe von Komfortfunktionen verzichten, die für Pumpennutzer schon Alltag sind. Doch langsam kommen immer mehr Smartpens, also digitale Insulinpens, auf den Markt. Die gemeinsame Auswertung von Daten aus dem CGM und Pen lassen in Zukunft neue Möglichkeiten der Diabetestherapie entstehen.

Vorteile von digitalen Insulinpens

Das offensichtlichste zuerst: mit entsprechenden Apps oder Anwendungen lassen sich Blutzuckerkurven und Insulingaben in einem gemeinsamen Diagramm anschauen. Nur so kann man CGM-Kurven erst richtig verstehen: Gibt es ein Hoch-Event weil die Basalrate falsch ist, der Spritz-Ess-Abstand nicht eingehalten wurde oder weil einfach der Bolus zu niedrig war? Drei unterschiedliche Ursachen, die vollkommen unterschiedliche Maßnahmen erfordern. Doch ohne die Daten eines digitalen Insulinpen ist es praktisch unmöglich, strukturiert die Diabetes-Therapie zu verbessern. Man stochert im Dunkeln.

Der nächste offensichtliche Vorteil ist, dass man nachsehen kann, ob und wieviel Insulin man schon genommen hat. Vertut man sich hier, und nimmt aus Versehen Insulin doppelt, landet man schnell im kritischen Unterzucker. Oder isst man in verkürzten zeitlichen Abständen, z.B. bei Festen oder beim ausgedehnten Sonntagsbrunch, wird es schnell unübersichtlich, ob man noch weiter Insulin braucht oder nicht.

Screeshot Diabetes App mit IOB
Entsprechende Diabetes Apps berechnen mit den Daten des digitalen Insulinpens das restwirksame Insulin

Gerade in solchen Fällen gibt es ein weiteres, äußerst hilfreiches Feature: Das IOB – Insulin on board. Oder auf Deutsch: restliches wirksames Insulin. Überträgt der Smartpen die Insulindosen aufs Handy, kann eine entsprechende Diabetes App berechnen, wieviel Insulin noch im Blut aktiv ist. Gerade bei mehreren zeitlich versetzten Insulingaben, deren Wirkung sich überlappt, ist das extrem wertvoll. Pumpennutzer kommen schon lange in den Genuss solcher Transparenz.

Für die Zukunft sind noch viele weitere Vereinfachungen zu erwarten: Mit dieser Information in Kombination mit CGM-Daten ließen sich intelligentere Alarme entwickeln. Denn weiß die Blutzucker App bei einem Wert von 90mg/dl, dass noch 5 I.U. restwirksames Insulin aktiv ist, könnte eine Warnung kommen, bevor das Kind in den Brunnen, bzw. der Blutzucker auf unter 80 mg/dl gefallen ist.

Nachteile von digitalen Insulinpens

Wie immer gibt es auch Nachteile.

Manche Digitalpens, so z.B. von Pendiq, müssen aufgeladen werden. Ist der Strom leer, steht kein Pen zur Verfügung. Die Novopens sind so sparsam, dass sie 4 bis 5 Jahre halten. Auch werden gerade Produkte entwickelt, bei denen normale Pens mit „digitalen Kappen“ versehen werden. Ist der Strom der Kappe leer, kann der Pen trotzdem weiterverwendet werden. Das klingt vielversprechend, ist aber noch nicht auf dem Markt. Ich finde das Thema Ladezustand jedoch kein großes Problem. Auch Insulinpumpen gehen irgendwann leer, doch damit kommt jeder Pumpenträger zurecht. Diabetiker sind ja gewohnt, stets allerlei Equipment mit sich herumzutragen.

Auf zwei weitere Nachteile stieß ich beim Lesen von Nutzer-Reviews: grundsätzlich kann ein Smartpen schneller kaputt gehen als ein normaler Pen. Und zweitens ist häufig die Nutzerfreundlichkeit von einem digitalen Gerät schlechter als von einem einfachen Analog-Gerät. Angefangen mit Farbkontrasten oder wie oft man irgendwo Knöpfe drücken muss bis was passiert. Hier sind die Hersteller gefragt, bei der Entwicklung die Produkte wirklich auch vom Nutzer her zu denken (Stichwort User-Centricity).

Insgesamt sind die Nutzer mit ihrem Smartpen sehr zufriden, und würden ihn nicht wieder gegen ihren alten analogen Begleiter tauschen. Dies ergaben mehrere medizinische Studien.

Welche Smartpens gibt es?

Der Markt ist noch recht übersichtlich. Aktuell ist sicherlich der wichtigste Anbieter Novo Nordisk mit Novo Pen 6 und Novo Echo. Beide Pens scheinen sehr ähnlich und unterscheiden sich nur in Dosierungsschritten und Patronengröße. Eine komplette Übersicht über die in Deutschland verfügbaren Smartpens gibt es hier.

Für die Übernahme durch die Krankenkasse sollte man sich nochmal informieren. Hier gibt es immer wieder Änderungen. Aber auch auf privat sind die Pens, je nach Geldbeutel, inzwischen erschwinglich, die Preise variieren zwischen 100 und 200 €.

Smartpens als digitale Pens für die Insulin Daten
Die wichtigsten Smartpens: Esysta von Emperra, Novo Pen von Novo Nordisk und Pendiq von Pendiq.

Interoperabilität ODER: wie komme ich an meine Daten

Die Vorteile von der Gewinnung von Daten hat man natürlich nur, wenn man auch an die Daten herankommt. Hier stößt man leider wie häufig im Diabetesbereich an enge Grenzen. Beispielsweise gibt es zum Auslesen der Daten des Novo Pen keine offene Schnittstelle, sondern man ist auf lediglich zwei Hersteller von proprietären Apps angewiesen (mysugr und glooko). Andere Hersteller bleiben komplett im eigenen Produkt-Ökosystem. Weder eine Anbindung an Werkzeuge aus der Diabetes-Community noch an Apple Health bzw. google fit ist im Moment in Sicht. Zum Beispiel ist Tidepool nur eines von vielen tollen und kostenlosen Werkzeugen aus der Diabetes Community. Solange aber die Schnittstellen der Pens zu sind, bleibt das Tool weiterhin nur Pumpennutzern vorbehalten

Gemeinsame Sicht von CGM-Daten und Insulindaten
Zukunftsvision für Pennutzer: Tidepool zeigt CGM-Daten und Insulingaben übersichtlich an

FAZIT

Digitale Insulinpens sind eindeutig ein notwendiger und toller Schritt hin zu einer weiter digitalisierten Diabetestherapie. Die Produkte sind durchaus auch für Selbstzahler schon im erschwinglichen Bereich. Allerdings ist es noch zu schwer an die Daten heranzukommen. Daher sollte man, bevor man das Geld investiert, prüfen, ob man später auch wirklich die Daten so nutzen kann, wie man das möchte.

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