Das Thema klingt vielleicht erstmal etwas langweilig. Aber die Injektion von Insulin ist ein wichtiger Punkt, wenn es um unerklärliche Schwankungen im Blutzucker geht. Wie die Injektion abläuft, Injektionsstellen und -technik bestimmen die Aufnahme des Insulins und damit den Spritz-Ess-Abstand. Und es gibt Umstände, die die Absorption ändern. Darüber sollte man sich im Klaren sein, um Hypos zu vermeiden. Und natürlich: die richtige Injektions-Technik ist wesentlich, damit überhaupt das Insulin wirkt. Eine tolle Übersicht über die Do’s und Dont’s findet Ihr hier.

Injektion: Ort, Technik und Nadellänge

Am schnellsten wirkt Insulin am Bauch, etwas langsamer am Oberschenkel und Arm. Diese Injektionsstellen eignen sich daher gut für langsam wirkende Insuline. Schlauchlose Pumpen (Omnipod) lassen sich an beliebigen Körerstellen anbringen, auch am Arm oder Bein. Da ändert sich dann gegebenenfalls das Timing.

unterschiedliche Injektionsstellen: Bauch und Arm
Insulin wirkt an unterschiedlichen Injektionsstellen leicht unterschiedlich schnell

Allen von mir gefundenen Veröffentlichungen ist es wichtig, dass man nicht in den Muskel injiziert. Denn dort wirkt das Insulin teilweise 40 % schneller. Das heißt z.B. statt 30 Minuten etwa 18 Minuten. Je nach dem, was man gegessen hat, kann das zu einer Hypo führen. Die Info kann aber helfen, wenn man eine möglichst schnelle Wirkung haben möchte, z.B. bei einer starken Entgleisung. Allgemein ist Geschwindigkeit der Aufnahme individuell. Rauchen, Ödeme und Übergewicht verlangsamen die Aufnahme.

Pennutzer müssen nach dem Pieks den Pen einige Sekunden stecken lassen, bevor man ihn wieder herauszieht. Sonst läuft das Insulin teilweise aus der Einstichstelle wieder heraus und fehlt dann. Passiert dies öfters, könnte eine längere Pennadel helfen. Grundsätzlich werden aber kürzere Nadeln empfohlen, damit keine Injektion in den Muskel passiert. Außerdem sind diese schmerzfreier. Pumpennutzer können ebenfalls über Länge und Material entscheiden. Nach meiner Erfahrung ist dies in der Sprechstunde kaum ein Thema. Hat man aber Probleme mit blockierten Kanülen oder Schmerzen an der Setzstelle, lohnt es sich, nach Katheter aus anderem Material und Größe zum Testen zu fragen, entweder beim Arzt oder direkt bei der Firma, die einen mit Hilfsmitteln versorgt.

Lipohypertrophie: Gewebe schonen

Die viele Piekserei macht dem Unterhautfettgewebe auf Dauer zu schaffen. Dann verhärtet es sich. Diese Veränderung ist häufig nicht offen sichtbar. Dennoch ist dann die Wirkgeschwindigkeit des Insulin stark verzögert, was zu Überzuckerungen nach dem Essen führt. In Zahlen: Das Wirkmaximum von Insulin, dass in solch eine Stelle injiziert wird, erfolgt 43 Minuten später als normalerweise (siehe hier)! Das Problem betrifft sehr viele Menschen mit Typ-1 Diabetes, Studien schätzen, dass bis zu der Hälfte aller Patienten solche Gewebeerhärtungen haben.

Also für Pennutzer gilt: immer gut die Injektionsstellen und Nadeln wechseln. Beides schont das Gewebe. Die Empfehlung lautet: mit jeder Injektion. Ähnlich gilt für Pumpenträger, die Setzstellen gut abzuwechseln. Und selbst wenn ein Katheter eigentlich noch gut zu funktionieren scheint, sollte er dennoch nicht über die vorgesehene Dauer getragen werden.

Insulinpen und Nadel
Sehr häufiges Wechseln der Nadeln verhindert, dass sie abstumpfen und noch mehr das Gewebe schädigen

An dieser Stelle noch eine Anmerkung: viele Menschen mit Diabetes haben auch nach vielen Jahren noch Angst vor der Injektion. Hier sollte man sich unbedingt Hilfe holen. Erste Anlaufstelle ist natürlich der Arzt. Traut man sich dort nicht, gibt auch viele andere Menschen, die einem helfen können. Mit Patientenvertretungen, auch geschützt im Internet, kann man offen sprechen. Und so dann den Weg zu einer professionellen und effektiven Unterstützung suchen.

Umstände bei der Injektion

Die Durchblutung spielt für die Aufnahme von Insulin eine wesentliche Rolle. So wirkt Insulin bei warmen Temperaturen, z.B. im Sommer in der Sonne oder in der Sauna, schneller. Beispiel: bei 40°C auf der Haut etwa eine Stunde vor und nach der Injektion beschleunigte die Aufnahme um etwa 42%. Das ist fast doppelt so schnell! Sport und Massage der Injektionsstelle haben ähnliche Effekte.

Je mehr Insulin genommen wird, desto langsamer wirkt es. Insulin bildet kleine Kristalle (sozusagen mikroskopische Klümpchen), wenn es konzentriert ist. Das Insulin muss sich im Gewebe sich erst mit Gewebeflüssigkeit verdünnen. Dann lösen sich diese Klümpchen auf, und die Insulinmoleküle können in die Blutbahn. Daher kann es für Pennutzer Sinn machen, größere Dosen auf mehrere Injektionen an verschiedenen Stellen aufzuteilen. Pumpennutzern wird der Tipp gegeben, einen Teil der Dosis als verzögerte Dosis, ggf. schon etwas früher, zu geben.

Offene Fragen

Leider bleiben viele Fragen noch offen. Beispielsweise ist unklar, wie der Flüssigkeitshaushalt, also wieviel man getrunken hat, sich auf die Insulinwirkung auswirkt.

Ich habe einige Punkte zur Lipohypertrophie, also der Gewebeerhärtung an den Stichstellen geschrieben. Doch warum da genau was wie abläuft, ist noch unbekannt. Das wäre aber die Voraussetzung um Hilfsmittel zu entwickeln, die das Gewebe weniger belasten.

Auch konnte ich wenig Informationen finden zur Abhängigkeit der Insulinwirkung von der Menge. Ich habe die Daumenregel gefunden: dreifache Menge dauert doppelt so lange. Hier konnte ich keine Quelle finden. Auch sprechen alle Veröffentlichungen nur von der Wirkdauer. In den Studien hatten die jeweiligen Rahmenbedingungen keinen Einfluss auf die Wirkstärke an sich. Aber wie ist es, wenn man große Mengen benötigt? Wirkt es wirklich nur langsamer, oder braucht man auch mehr? Oder umgekehrt, bei sehr geringen Mengen? Dies würde sich mit Erfahrungen decken, dass eine für die Basalrate benötigte Anpassung viel kleiner ist als das benötigte Korrekturinsulin, wenn man die Basalrate nicht anpassen würde.

FAZIT

Grobe Fehler bei der Injektionstechnik sind kritisch für eine gute Blutzuckereinstellung. Aber auch scheinbar weniger wichtige Standardregeln sollte man einhalten, da sie langfristig wichtig für eine vorhersehbare Insulinwirkung sind. Dazu zählt insbesondere das Wechseln von Nadeln/ Kathetern und Änderungen der Stich-/ Setzstellen.

Weitere Links

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6079517/pdf/JDR2018-1205121.pdf – Tolle wissenschaftliche Übersicht über alle Faktoren, die die Insulinaufnahme beeinflussen

https://www.aerzteblatt.de/archiv/193958/Insulintherapie-Fallstricke-bei-der-Injektion-vermeiden – weitere Zusammenfassung wichtiger Dos und Donts

https://link.springer.com/article/10.1007/BF00401147 – Studie zur Wirkung bei Injektionsstellen an unterschiedlichen Körperregionen

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4455381/ – Gute Zusammenfassung über den Wissenstand zu Lipohypertrophie

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